Mitternächtliche Offenbarung

Verstört blicke ich das Gesicht mir gegenüber an.
Lese in seinen Zügen in seiner Geschichte wie in einem offenen Buch. Das ist eines meiner Talente, die Geschichten der Menschen denen ich begegne an ihren Gesichtern abzulesen, hinter die Maske zu sehen. So weit ich diese Kunst auch perfektioniert habe die letzten Jahre, so unfähig bin ich diese auf mich selber anzuwenden.
Nun also zu diesem Gesicht in meinem momentanen Focus.
Es ist gezeichnet durch viele Erfahrungen, die sich deutlich in die noch junge Haut eingegraben haben. Die Augen blicken leer in die meinen und haben die triste Farbe von dreckigem Schnee, der am Rande einer mehrspurigen Autobahn liegt. Und noch brennt ein Feuer in ihnen, ein Funkeln, welches verrät das der Besitzer die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hat. Er ist ein Kämpfer, das sieht man ihm an. Narben zeugen von einigen Abenteuern, vielleicht auch von der ein oder anderen Kneipenschlägerei. Seine Haare sind durcheinander und ungewaschen, erwecken vor meinem geistigen Auge das Bild eines Straßenköters, der viel mitgemacht hat, aber immer stolz seines Weges gegangen ist. Von diesem Stolz zeugt auch seine Haltung, die Nase hoch in den warmen Südwind des fliehenden Abends gereckt. Aufmerksam die Luft einziehend, auf der Suche nach einem bestimmten Geruch, dem Geruch von Lagerfeuern, Großstadtsmog und einem Hauch von Zimt in weiter ferne.
Eben der Geruch des Abenteuers.
Wie Schriftzeichen haben sich all die verpassten Gelegenheiten in sein Antlitz gemeißelt, jede gute Idee die aufgrund ihrer Absurdität gleich wieder verworfen wurde, all die gebrochenen Versprechen und die verlorenen Momente springen mir förmlich ins Auge.
Bei dieser Art der Analyse beschränke ich mich meistens auf solche Details und lasse trauriger weise das Gesamtbild  zu häufig ausser Acht und doch ist mir diese oberflächliche Betrachtungsweise diesmal nicht genug. Ich nehme das Gesicht meines Gegenübers als ganzes in meinen Blick. Auf seine verschroben melancholische Art und Weise ist es ansprechend, zu speziell um wirklich als schön durchzugehen, aber nicht unattraktiv.
Es zeugt von vielen gerauchten Zigaretten, rasch hinuntergekippten Drinks und von einer Vielzahl langer und tiefschürfender Gespräche an allen möglichen Orten dieser Welt und ich weis nicht wie ich meine Empfindungen einschätzen soll, die von der Masse der gelieferten Informationen wirre Kreise drehen. Unfähig meinen Blick abzuwenden versuche ich, mir jedes kleine Detail einzuprägen, doch will mir das nicht so recht gelingen. Wie Sand rieseln die Eindrücke durch mich hindurch. Eingehend fixiere ich wieder diese Augen, die von einer tiefe Zeugen in der man sich nur zu leicht verlieren kann, ob auf die eine oder die andere Weise, als mir ein Windstoß durch die Haare fährt und die Bäume um mich herum zum wanken bringt.
Irgendwo weit über meinem Kopf löst sich ein Blatt von einem der Äste, unfähig dem fordernden Wind standzuhalten und segelt langsam der Erde entgegen.
Es landet auf der bis eben noch spiegelglatten Oberfläche des Teichs vor mir und das Gesicht, eben noch so konkreter Gegenstand meiner Untersuchung, verschwimmt und wird zur Unkenntlichkeit  verzerrt.

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3 Antworten to “Mitternächtliche Offenbarung”

  1. yes. you got me, again.
    wunderbar. vor allem der geruch:
    lagerfeuer, großstadtsmog und zimt.
    so riecht sex.^^

  2. Du schreibst nicht mehr… bzw du hast schon länger nicht mehr geschrieben. Ich hatte eben gehofft etwas lesen zu können, was ich noch nicht kenne…

  3. Du solltest nie vergessen das es Gesichter gibt die in deinen Augen nicht verzehrt werden wollen, die eher nur ein wenig Flimmern und dann,wenn du es zulässt wieder klar werden, diese schauen dir wiederum in dein gesicht und merken es anfängt zu Flimmern!
    Aus angst!?! (Staßenköter haben keine angst!)
    WARUM!?!
    das ist wohl die wahrscheinlich melancholischste Frage die man sich meist ins geheim bei dir denk aber nie stellen würde!!!
    Auch dein verschwommenes Gesicht soll und darf wieder klar werden,du musst es nur wollen und zulassen,das wahrscheinlich schwierigste tuen in deinem Leben! Ich weiß wie schwer es ist,ich habe es auch schon geschafft dein gesicht wieder Klar werden zu lassen,allerdings auch nach unendlich vielen gerauchten Kippen und heruntergekippten Drinks!Freundschaft ist halt eine art der Liebe der man Vertrauen kann (abgesicherte Liebe)aber da gibts auch noch eine Liebe die einen immer ins schwanken bringt,wie einen Baum,der aber nicht sicher steht weil seine wurzeln vieleicht noch nicht Tief genug verankert sind! Aber das brauch schließlich auch Zeit!(Unabgesichterte Liebe)…..
    da sollte man aber herausfinden ob der Boden dazu genug Wasser hat,er kann schnell austrockenen,doch dann hat der Baum vielleicht etwas zuviel wasser aufgesaugt!
    Ein nehmen und geben!
    Schwierig, ja das ist wahr aber irgendwann fühlt es sich besser an!
    Dreh sein Gesicht zur Sonne mein Lieber und lass die Schatten hinter dich fallen!
    Ich bin da (abgesicherte Liebe)

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