Archiv für Mai, 2010

Rollenverständnis

Posted in Der ganz normale Wahnsinn on Mai 25, 2010 by timserin

„Cut!“
Genervt rollt der Regisseur dieses Filmes mit den Augen.
„Nicht genug Gefühl, nicht authentisch genug!“
Nur mit mühe halte ich meine Tränen zurück und es geht in die 13. Wiederholung dieser Szene.
„Und Action!“
Wieder sitzen wir uns gegenüber, in diesem Pariser Szenecafé, welches man als Location für diese Szene ausgesucht hat. Eingesunken sitzt meine gedrungene Gestalt in dem roten Ledersofa, von unechten Passanten im vorbeigehen neugierig beäugt.
Die einstudierten Sätze kommen uns routiniert über die Lippen und doch zucke ich bei jedem deiner Worte wie unter einem Hammerschlag zusammen.
Deine wütende Gestik steht im krassen Gegensatz zu meinen verzweifelten Versuchen die Situation noch irgendwie zu retten, während draußen die ersten Regentropfen ans Schaufenster schlagen. Erbost springst du von deinem Platz auf und suchst hektisch deine Sachen zusammen. Entnervt streichst du dir dabei durch die Haare, die dir immer wieder ins Gesicht fallen. Ein letztes mal wendest du das Wort an mich, legst mir mit grausamer Nüchternheit wieder und wieder meine Fehler dar und meine Fassade bröckelt vollständig.
Du verlässt das Café und hälst dir schütztend die Jacke über den Kopf.
Ich lege das Geld für unsere Bestellung, einen Latte Macchiato für dich, wie immer, und einen Espresso für mich, ebenfalls wie immer, auf den Tisch und stürze dir hinterher.
Im nun strömenden Regen bin ich in kürzester Zeit nass bis auf die Knochen und die Tropfen die meine Lippen erreichen schmecken Salzig. Ich packe dich am Arm um dich zurückzuhalten, doch du reisst dich los und verschwindest im Nebeldunst dieses Wolkenbruches die Kopfstein gepflasterte Straße hinunter.
„Cut!“
Endlich ist der Regisseur mit der Einstellung zufrieden, alle gratulieren sich, doch ich wende mich ab, zerschlagen und gebrochen. Lange noch schütteln mich die tränenreichen Krämpfe über der Erkenntnis, dass, sooft sich diese Szene sich auch schon wiederholt hat, sie mir in Zukunft keinesfalls erspart bleiben wird. In dieser Rolle stecke ich fest, wie in einer Dauerschleife.
„Und Action!“

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Heimkehr

Posted in Der ganz normale Wahnsinn, Uncategorized on Mai 20, 2010 by timserin

Das Getöse der letzten Schlacht hallt dem Krieger noch nach. Vor Augen jene grausamen Szenen des Blutbades, welche ihn noch bis tief in die Nacht verfolgen werden. Stolz reitet er dem Sonnenuntergang entgegen, die frischen Wunden des Krieges erhobenen Hauptes tragend, wie glitzernde Orden, verliehen durch die denkbar höchsten Würdeträgern.
Doch Gedanken ganz anderer Art lasten schwer auf des Kriegers Gewissen. All die Mitstreiter, die sich vor dem großen Kampf im Stammestreffen versammelt haben, gehen nun wieder ihre eigenen Wege. Oftmals führern diese die Gefährten nach Hause.
Zu Haus, Hof und Weib.
Nur unser Söldner kehrt schlichtweg in seine bescheidene Unterkunft zurück um seine Wunden zu versorgen.
Alleine.
Keine Frau, die zu Hause auf die wohlbehaltene Rückkehr des Mannes hofft. Nur der Kreis der Freunde, welchem beim nächsten Umtrunk voll inbrunst die Geschichten der letzten Abenteuer erzählt werden, in ein paar schönen Stunden ohne Sorge, im Kreise eben jener Menschen, die für den Krieger die Familie darstellen. Zum schlafen gebettet denkt er noch an die ehrfüchrchtigen Gesichter der Kumpane, als er sich im Bett herumwälzt, auf die andere Seite der Matratze, welche unbewohnt und kalt ist.
Für was, fragt er sich, lohnt es sich noch zu kämpfen? Sollte der Sinn hinter all dem schlichtweg nur die Suche nach eben jenem Sinn sein? Mehr nicht? Keine kosmische Wahrheit, die es zu entdecken gibt?

Ich habe keine Lust mehr auf jene flüchtigen Bekanntschaften, den Sex in der Abstellkammer.
Ich bin auf der Suche nach meiner ganz persönlichen Elliot Reed, nicht der anfänglichen Elliot, mit der man es im Bereitschaftsraum treibt, sondern jene Elliot, die immerzu sehnsüchtig auf  eine Meldung meinerseits wartet, die auch dann noch zu Hause ist, wenn die anderen längst gegangen sind.

Zu Gast nur die drei Bettler.