Archiv für Oktober, 2010

Nachtastronaut

Posted in Der ganz normale Wahnsinn on Oktober 14, 2010 by timserin

Kleine Wolken von kondensiertem Atem steigen auf, als ich durch die nächtlichen Straßen dieser Stadt laufe.
Die Stadt, der nachgesagt wird, das sie eine dieser Städte ist, die niemals schlafen, doch in dieser Nacht, kann nichts sie aus ihrem tiefen Koma aufwecken.
Leere Schaufenster von Läden und Bar Eingänge, abgesperrt mit Gittertoren ziehen an mir vorüber. Kaum ein Mensch bewegt sich auf den ansonsten so belebten Straßen. Und eine gespenstige Stille liegt in dieser dunkelsten Stunde, jene Zeit kurz vor den ersten Dämmerungserscheinungen. Diese Minuten scheinen mir immer so unreal, plötzlich ist der ganze Lärm abgeklungen und lässt mich alleine mit meinen Gedanken.
Die Finger schmerzen vor Kälte, der Herbst hat nun endgültig Einzug gehalten. Dennoch bin ich nicht gewillt auf das Rauchen zu verzichten. Verzweifelt halte ich mich an meiner Zigarette fest, als ob ich das Gleichgewicht verlieren würde, wenn ich die Kippe in einem glutroten Funkenregen auf den Gehweg schnipsen würde.
„Sie haben das Recht einsam und verloren zu wirken“
Ein dutzend mal bin ich an diesem Satz schon vorbeigekommen, habe ihn jedes mal zur Kenntnis genommen und mich immer wieder über die simple Poesie gefreut. Heute versetzt mir diese Phrase einen bösen Stich und ich wende hastig meinen Blick ab.
Selten nur war ich in den letzten Wochen alleine, alleine unterwegs, meistens in Gesellschaft der Freunde. Stille.
Die Stimme in meinem Kopf schreit mich an, ein zorniger innerer Monolog.
Ich sehne mich nach Lärm, nach Leben, nach den Orten dieser Stadt, an denen die Musik so laut ist, das sie für nichts anderes mehr Platz lässt. Dort höre ich meine innere Stimme nicht, mein Gewissen nicht und dort fühle ich nichts als die brachialen Bässe, die mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper jagen. Leertanzen, das ist es was ich nun gerne tun würde, dennoch setze ich weiter einfach nur einen Fuß vor den anderen.
Wenn die Musik ausgeht sind wir doch alle wieder alleine. Nur kurz noch hallt dieses Gefühl der Gemeinschaft nach, in welchem man schwelgt, wenn man mit hunderten anderen nur ein Ziel teilt: Abschalten, alles um einen herum für diese kurze Zeit auf der Tanzfläche verbannen.
Die ersten Frühaufsteher betreten nun neben mir die Straße, kommen gerade von Zuhause, von ihren lieben. Bäckereien und Zeitungsstände bereiten sich auf die Flut von Arbeitern ein, die das morgendliche Bild hier prägen.
Und ich gehe nach Hause. Gefangen in der verschachtelten Welt meines Geistes. Erschreckende Erkenntnisse schleichen sich in meine Gedanken und ich frage mich, ob es wohl immer so sein wird. Ob ich mich auch unter 3 Millionen und im Kreis meiner Bekanntschaften immer einsam fühlen werde.

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