Archiv für Dezember, 2010

Zynischer Sketch in nur einem Akt.

Posted in Der ganz normale Wahnsinn on Dezember 6, 2010 by timserin

Gespannte Stille herrscht im Publikum, schon einige Zeit bevor der Vorhang sich heben soll. Eine Spannung liegt in der Luft, welche beinahe physisch spürbar ist. Kaum Getuschel, einige der Zuschauer rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her.
Plötzlich dimmt sich das Licht und langsam gibt der Vorhang den Blick auf die Bühne frei.
Die Szenerie lässt sich als durchschnittliches Schlafzimmer eines Großstädters in den mittleren Zwanzigern beschreiben.
Nüchtern, modern und klinisch, mit einer Couch, einem Schrank und einem Tisch auf dem sich Turntables, Mischpult und Anlage gegenseitig den Platz streitig machen.
Und einem einfachen Bett in weiß, bezogen mit schwarzem Laken und schwarzer Bettwäsche, der einzige Kontrast zu den sonst weißen Möbeln.
In diesem Bett zwei Personen, eine männlich (der Bewohner des Zimmers) und eine weiblich, offensichtlich eine Club Bekanntschaft der selben Nacht, beide noch deutlich von der vergangenen Party gezeichnet.
Die beiden Personen liegen sich in den armen und küssen sich, der Mann fordernder  als das etwas zurückhaltender wirkende Mädchen, ansonsten passiert auf der Bühne nicht viel.
Gespanntes Schweigen.
Plötzlich hat es den Anschein als sei dem Typen etwas eingefallen, er richtet sich ein wenig auf, beugt sich über seine Eroberung und sieht ihr mit einem undefinierbaren Funkeln intensiv in die Augen. Fragend blickt sie zurück.
Mit einem leisen Lächeln stellt er ihr eine Frage:
„Hast du je den Kuss wahrer Liebe erfahren?“
Für einen kurzen Moment schaut sie ihn nur verwirrt an, legt aber gleich darauf den Kopf in den Nacken um leicht aufzulachen und gibt dabei den Blick auf den feuchtrosa glänzenden Innenraum ihres Mundes frei.
„Nein, zumindest kann ich mich an keinen Kuss erinnern, auf den diese Beschreibung so passen würde“
„Dann schließ deine Augen!“
Bereitwillig senkt sie ihre Augenlieder.
„Und nicht öffnen, ich bitte dich!“
Als er sich sicher ist das sie die Augen nicht einfach wieder aufmachen wird, beugt er sich zur Seite und fischt von einer der Boxen die neben seinem Bett stehen ein kleines Plastiktütchen, öffnet es, steckt einen Finger hinein und betupft sich anschließend mit diesem Finger die Lippen. Er legt das Tütchen wieder weg und widmet sich nun wieder der jungen Frau.
„Dann erfahre nun den Kuss der einzig wahren Liebe die es gibt.“, sagt er und senkt seine Lippen auf die Ihren.
Sie muss unwillkürlich ob seiner Vermessenheit lächeln, immerhin kennen sie sich erst wenige Stunden, doch als sie leicht ihre Lippen öffnet und sich mit ihrer Zunge vorsichtig zu den seinen vortastet, gefriert ihr das Lächeln im Gesicht.
Denn als ihre Zungenspitze über ihre Lippen ableckt, nimmt sie die kleinen Partikel auf, die augenscheinlich von seinen Lippen kommen und ein bitterer Geschmack breitet sich in ihrem Mund aus.
Der Mann reicht ihr ein Glas Wein, um den MDMA Geschmack los zu werden und lächelt sich mit einer Bitterheit an, die eher zu einem alten Mann passen würde als zu diesem Jüngling.
Und dann hebt er zu einer Erklärung an:
„Ich will dir nicht in deine Weltanschauung reinreden. Ich möchte dich auch nicht belehren, aber ich möchte mit dir eine schmerzlich gemachte  Erfahrung  teilen. Nicht unbedingt aus Freundlichkeit, aber gewiss auch nicht aus Bosheit. Es geschieht einfach aus meiner momentanen Laune heraus.
Wahre Liebe gibt es nicht und alles was sich anfühlt wie selbige ist eine Illusion, eine Gaukelei des Lebens, egal ob emotionaler oder chemischer Natur, aber immer bringt sie ein angenehmes Gefühl mit sich. Eine Hochstimmung in der man einfach nur denkt das alles gut ist oder es zumindest wird und man die ganze Welt umarmen möchte, aber irgendwann lässt diese Wirkung nach und die Erkenntnis die darauf folgt schmeckt immer mindestens so bitter wie der Kuss den ich dir vorher gab.“
Stille.
Sowohl auf der Bühne als auch unter den Zuschauern. Leere in den Gesichtern aller Anwesenden.
Nach einer Minute wird das betretene Schweigen durch die blonde Frau in Sitzreihe C fast unmerklich gebrochen, als sie mit ihren Augen den Schauspieler fixiert und leise seufzt:

„Wie wahr.“